Sabine Marcelis: „Magie ist das Ergebnis von Präzision“

Glasstelen in Gizeh und Leuchten für Ikea: Die niederländische Designerin Sabine Marcelis kann mit Licht und Farbe gestalten wie kaum jemand sonst.
Die Natur als Inspiration? Da sollten eigentlich die Warnleuchten angehen, denn dann ist Kitsch nicht weit. Zu versuchen, Baumkronen in Stühle, Felsformationen in Sofas oder Wolken in Leuchten zu übersetzen, führt schnell zu banaler Nachahmung. Und die hat gegen die Vorbilder einfach keine Chance. Wenn allerdings Sabine Marcelis von der Natur als einer ihrer Inspirationsquellen spricht, dürfen die Warnleuchten ausbleiben.



Dabei beschäftigt sich die niederländische Designerin häufig mit dem vielleicht komplexesten natürlichen Phänomen, dem Licht. Wie sich der Himmel in den Bergen am Abend langsam verfärbt. Wie ein Sonnenstrahl vom Wasser reflektiert wird. Schwer kitschverdächtig! Doch Marcelis gelingt es, diese flüchtigen Erscheinungen in Objekten einzufangen, ohne ihnen die Magie zu nehmen.

Indem sie genau hinschaut: „Ich habe viel Zeit damit verbracht, zu beobachten, wie sich Licht in verschiedenen Kontexten verhält, ob natürlich oder künstlich, innen oder außen“, erklärt sie GOODLIFE im Interview. „Mit den Jahren entwickelt sich daraus ein instinktives Verständnis. Es wird zu etwas, das man spürt, statt es bewusst zu analysieren. Ich weiß nicht, ob ich Licht und Farbe anders wahrnehme als andere, aber ich achte sicherlich genauer darauf. Mir fallen kleine Veränderungen in Nuancen, Intensität oder Reflexion auf und wie diese Veränderungen Raum und Stimmung beeinflussen.“
Außerdem bemüht sich Marcelis gar nicht erst, eine natürliche Ästhetik nachzuahmen. Die in Rotterdam lebende Designerin nutzt vor allem industrielle Materialien wie Glas, Spiegel oder Kunstharz, die sie zu abstrakten, geometrischen Formen verarbeitet. Die rosa Stelen, die bernsteinfarbenen Scheiben, die hellblauen Würfel sind auf eine ansteckend-fröhliche Weise künstlich – sie gehen vielleicht als Verbeugung vor den Wundern der Natur durch, platte Imitationen sind sie aber sicher nicht.

So flüchtig und ätherisch die Phänomene auch sein mögen, die Sabine Marcelis in Leuchten, Spiegel oder Möbel bannt – sie selbst ist so ziemlich das Gegenteil davon. Gut gelaunt und strahlend wie ihre bonbonbunten Candy Cubes tritt sie auf, zugleich handfest und ziemlich entschieden.
So machte sie sich nach dem Studium an der Designakademie in Eindhoven auch deshalb selbstständig, um keinen Chef über sich zu haben. In ihrer Jugend war sie eine erfolgreiche Snowboarderin, später wollte sie mal Helikopterpilotin werden. Marcelis ist in den Niederlanden geboren und in Neuseeland aufgewachsen, wo ihre Eltern eine Blumenzucht betrieben.
Beeinflusst fühlt sie sich von beiden Kulturen. „Neuseeland gab mir den Sinn für Weite, Offenheit und Intuition, während die Niederlande mir Struktur, Gründlichkeit und die Designkultur vermittelten, die meine Arbeit trägt.“
Heute entwirft sie Leuchten für IKEA und Lavalampen für Mathmos. Ihre Glas- und Spiegelobjekte standen schon bei den Pyramiden von Gizeh, im Apple Park in Kalifornien oder vor der Spanischen Treppe in Rom. Für das Vitra Design Museum kuratierte sie 2022 die Ausstellung Colour Rush!, dafür ordnete sie ausgewählte Stücke aus der Sammlung nach Farben an. Ab dem 30. Oktober zeigt das Museum für Gestaltung Zürich die erste Museumsschau ihres Werks.


Marcelis arbeitet zudem für Unternehmen aus der Interiorbranche wie cc-tapis, Hem, Arco oder BD Barcelona. Viele ihrer Entwürfe lässt sie jedoch in Eigenregie produzieren. Verkauft werden diese über ihren Online-Shop, in Galerien oder auf Designplattformen.
Damit ist die 41-Jährige eine typische Vertreterin ihrer Generation. Einer Generation von Gestaltern, die sich immer weniger auf die herkömmlichen Produktions- und Vertriebsmodelle der Designindustrie verlässt, sondern eigene, unabhängige Wege sucht. Dass die Niederländerin dadurch auch in die Rolle einer Unternehmerin hineingewachsen ist, war allerdings nicht geplant.
„Die unternehmerische Seite entstand eher aus einer Notwendigkeit heraus als aus eigenem Antrieb. Um das Studio zu finanzieren und der Arbeit die Bedingungen zu schaffen, die sie braucht“, sagt Marcelis.
Herausforderungen scheut Sabine Marcelis jedenfalls nicht, im Gegenteil: Wichtiger Teil ihrer Arbeit ist es, mit ihrem Team kontinuierlich die Grenzen der Materialien auszuloten. Sie nennt sich selbst einen „material nerd“ und kann sich ausdauernd mit Details wie etwa der durchscheinenden Kante eines Kunstharzwürfels beschäftigen.



In ihrem Studio in einem Rotterdamer Industriegebäude gibt es eine Werkstatt, hier wird hands-on gearbeitet. Die Entwürfe entstehen nicht nach einem vorher festgelegten Konzept, sondern intuitiv, buchstäblich beim Machen, im Material. Moodboards findet sie eher hinderlich, skizziert wird nur, um Proportionen zu veranschaulichen.
„Design und Produktion sind von Anfang an eng miteinander verknüpft, sodass Material, Prozess und Machbarkeit immer ein Thema sind“, erklärt die Designerin. „Oft bleiben wir während der gesamten Produktion eingebunden und arbeiten direkt mit Handwerkern und Herstellern zusammen.“
Wenn ein Unternehmen oder eine Institution mit einem ungewöhnlichen Auftrag an sie herantritt, umso besser – denn ein Anlass, zu forschen und mit Materialien und Fertigungsmethoden zu experimentieren, ist ihr immer willkommen.
Viele ihrer Objekte sind zudem nicht unbedingt auf eine einzige Funktion festgelegt. Ein Spiegel kann auch Leuchte sein oder einfach schmückendes Wandobjekt. Ein transparenter Glaskubus wiederum mag als Beistelltisch, Ablage oder Hocker funktionieren.
Doch wie entsteht er denn nun genau, der magische Glow, den viele ihrer Objekte ausstrahlen und der eine zutiefst menschliche Sehnsucht nach Helligkeit und Leichtigkeit zu befriedigen scheint?
„Mich fasziniert besonders, wie Licht mit Materialien interagiert – wie es absorbiert, reflektiert oder gestreut wird. Wenn diese Wechselwirkungen präzise abgestimmt sind, kann Licht so wirken, als komme es aus dem Inneren eines Objekts und nicht von einer äußeren Quelle“, erklärt Sabine Marcelis.
„Ich arbeite bewusst mit diesen Effekten – auch wenn der Prozess selbst intuitiv ist. Die Magie, von der die Menschen sprechen, ist meist das Ergebnis von Präzision: zu verstehen, wie Licht sich verhält.“
Und weil sie es so gut versteht, gelingt es ihr, mit Objekten Emotionen auszulösen. Der Anblick der weich abgerundeten Würfel, der farbig verspiegelten Leuchten löst im Hirn wahrscheinlich ziemliche Dopaminausschüttungen aus – was auch Marcelis’ Erfolge bei der Instagramgeneration erklären mag.

„Emotionen sind immer Teil der Arbeit, aber ich gehe nicht von einem bestimmten emotionalen Ergebnis aus. Mich interessiert eher, wie Material, Licht und Raum die Menschen auf sinnlicher Ebene berühren. Diese Wirkungen führen ganz natürlich zu emotionalen Reaktionen.“
Deshalb ist es auch ihr größter Albtraum, dass Menschen angesichts ihrer Objekte nichts weiter fühlen.
„Es muss nicht jeder dasselbe empfinden oder sogar etwas Positives – aber ich möchte, dass eine Reaktion entsteht. Wenn ein Werk Präsenz, Spannung, Behagen oder Neugier weckt, etwas, das im Körper spürbar wird, dann erfüllt es seinen Zweck.“