Original BTC: Lang lese der König!

©Original BTC

Original BTC gehört zu den wenigen Leuchtenherstellern, die auch Bestellungen aus dem Buckingham-Palast bekommen. Wer sie im Westen Londons besucht, erlebt jahrhundertealte Handwerkskunst in Perfektion.

Als David Cameron noch Premierminister des Vereinigten Königreichs ist,
glücklose Regierungszeit übersteht, die am Ende im Brexit münden wird.

Über eine schmale Stiege gelangt der Regierungschef durch den schlanken Gang in die Räume der Geschäftsführung im ersten Stock.

Vater Peter und Sohn Charlie Bowles sitzen dort, nur durch einen kleinen Besprechungsraum voneinander getrennt. Außerdem an Bord: Charlies Schwester Hettie. Von dort aus leiten die drei die Firma. Der eine hauptamtlich, der andere jetzt als Seniorchef, sie als Director Operations.

Charlotte und Angus Buchanan (links) sind die Köpfe des gleichnamigen Studios und gelten als das kreativste Paar der Designszene. Sie entwer- fen Häuser, Mode und Marken. Charlie Bowles ist der Sohn von Firmengründer Peter Bowles und CEO von Original BTC.©Original BTC.

2015 haben sie die höchste Auszeichnung erhalten, die eine Manufaktur in Großbritannien erringen kann: The Queen’s Award for Enterprise. Sie ist Verpflichtung und Chance zugleich. Und sie bringt Aufträge im Namen der Krone. Ein Foto im Konferenzraum ist Zeuge der feierlichen Zeremonie mit der Queen. Schnappschüsse des Regierungschefs während seines Fabrikbesuches hängen auf der anderen Seite des Raumes. Man wahrt Abstand.

Peter Bowles hat Original BTC (British Timeless Classics) 1990 gegründet. Er war der erste Designer, der Bone-China für Beleuchtungen verwendete. Wer es nicht kennt: Bone-China ist porzellanähnlich, aber durch den hohen Anteil von Knochenasche widerstandsfähiger. Außerdem hat es einen wärmeren, cremefarbenen Ton, während Porzellan strahlend weiß ist. Kurz: Bone-China ist das bessere Porzellan.

Peter entwarf eine Tischleuchte, die schlichter nicht sein könnte und trotzdem zeitlos raffiniert wirkt: die „Hector“. Sie hat sogar einen tellerartigen Fuß aus Bone-China. Aus ihr ragt ein Metallstäbchen heraus, an dem sich ein stoffummanteltes Stromkabel emporwindet. Eine Klemme hält die Birnenfassung aus Bakelit, diese wiederum einen schlichten Schirm aus Bone-China, der alles in einem warmen Licht erscheinen lässt. „Hector“, zur Firmengründung erfunden, strahlt noch immer und wird teilweise von denselben Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gefertigt, die schon das allererste Modell verpackt haben. Eine davon heißt Linda. Sie unterzeichnet bis heute unter jedem Leuchtenfuß ein kleines Typenschild. Findet man dort also ein L, ist es von Linda. Die „Hector“ des Autors dieser Zeilen wurde von Linda in der 42. Woche 2001 hergestellt. Linda ist eine fröhliche Frau, die jeden Arbeitsschritt sehr gewissenhaft und mit enormer Ruhe absolviert. Sie arbeitet an demselben Tisch wie vor 25 Jahren und ist hocherfreut, dass ihr Werk im fernen Deutschland noch immer leuchtet.

Als der Premierminister sie dort besuchte, war er in einem Zwiespalt: Der Senior wollte ihm eine „Hector“ für die Downing Street schenken, der Junior einen seiner eigenen Entwürfe. Ebenfalls preisgekrönt. Ein Vater-Sohn-Dilemma. Am Ende hatte Cameron zwei Leuchten im Gepäck. Eine für den Amtssitz und eine für den Landsitz.

Heute führt Charlie durch das Unternehmen. An jeder Ecke ist Handarbeit zu sehen. Es ist eine Zeitreise in die Essenz einer vorindustriellen Fertigung. Im Erdgeschoss arbeiten die drei Glasbläser bei über 1400 Grad Celsius an drei Gasöfen. Wortlos reichen sie sich die geblasenen und in Formen gedrehten Werkstücke. Eine Hand weiß hier genau, was die andere tut. An diesen Öfen entstehen auch die Gläser für die neue Serie „Neotenic“, die zusammen mit dem renommierten Buchanan Studio kreiert wurde. Skulpturale Tischleuchten, Steh-, Pendel-, Decken- und Wandleuchten. Aus mundgeblasenem Glas, veredelt durch die Farbnuancen „Strawberry“, „Chocolate“ und „Vanilla“, sind Lampenschirme entstanden, die wie Eiscreme anmuten. Oder wie die Zipfelmützen von Zwergen aus Kinderbüchern.

Neue Designlinie: Die „Neotenic“ ist aus Glas geblasen und erinnert mit ihren Nuancen in Schokolade und Erdbeere an Speiseeis mit Ständer. ©Original BTC.

Es ist ein kleines Wunder, dass die Entwürfe des Designstudios hier in Witney hergestellt werden können. Im Jahr 2011 übernahm Original BTC die Firma English Antique Glass, den letzten britischen Hersteller von Flachglas, und sicherte sich so deren Expertise. Heute fertigen die Mitarbeiter nicht nur Leuchtengläser, sondern auch etwa Fenster für den Buckingham Palast und die Kathedrale von New York. Sie sind die letzten ihrer Art im Königreich, die die komplexe Technik beherrschen und das Talent mitbringen, das dafür nötig ist.

Glasbläser Sam arbeitet mit seinem Kollegen an einer „Neotenic“. Alle Glaselemente hat das Team mundgeblasen. Eine Fertigung, die es in England nur noch bei Original BTC gibt© Original BTC.

Ein paar Türen weiter finden sich die Metallarbeiter. Sie wurden ebenfalls 2011 von einer Spezialfirma übernommen. Sie löten, schweißen und formen das Kupfer und Messing der Leuchten von Hand. Nur einzelne Bauteile werden fertig angeliefert. Die Kunst entsteht hier im wahrsten Sinne aus der Hand. Die Mitarbeitenden sind stolz darauf, in Oxfordshire ihre jahrhundertealten Handwerkstechniken in einen modernen Produktionsablauf integriert zu haben.

Man ahnt, es ist nicht leicht, im Jahr 2026 eine derart personalintensive Fertigung in England aufrechtzuerhalten. Der Brexit belastet mit seinen Zöllen bei der Einfuhr der benötigten Materialien aus der EU und auch bei der Ausfuhr der fertigen Leuchten. Mit den enorm gestiegenen Transport- und Logistikkosten hat das zu Mehraufwendungen von rund 40 Prozent geführt. Steigende Löhne und der Mangel an Fachkräften sind weitere Faktoren, die sich immer negativer auf die Bilanz auswirken. Trotz dieses Wettbewerbsnachteils im Vergleich zu asiatischen Ländern oder den Produktionsstätten im Osten der EU und der Türkei will aber niemand hier vom hohen Qualitätsanspruch abrücken, der den Grundstock des Erfolges gelegt hat. Dazu kommt, neben der Tradition, die hier gepflegt wird, der Einsatz modernster Computertechnik in Versand und Logistik. Das Management rund um Charlie Bowles ist keinesfalls stehen geblieben. Alles außer die Herstellung der Ware selbst scheint in Echtzeit abzulaufen. Sogar der Firmen-Fuhrpark besteht aus modernsten Elektrofahrzeugen. Wahrscheinlich ist es diese Mischung, wegen der Original BTC die einzige Leuchtenmanufaktur auf der britischen Insel ist, die Handarbeit in Vollendung erfolgreich am Markt platzieren kann. Keiner anderen Firma ist dies gelungen. Mittlerweile hat Original BTC sogar Showrooms im schicken Londoner Stadtteil Chelsea sowie in Paris, New York, Taipeh und München.

Das produktive Herz von Original BTC findet sich allerdings in Stoke-on-Trent, rund 200 Kilometer nordwestlich von Witney. Folgt man den Kreisverkehren abseits der Autobahn, ist der Anblick erschreckend. Fabriken ohne Dächer, Öfen erkalteter Industriedenkmäler. Straßen, in denen Dönerläden und Frisöre vielleicht noch eine Zukunft haben, neben Maklern, die Häuser zu Spottpreisen anbieten und trotzdem keine Käufer finden.

Hier war einmal ein Motor des britischen Handwerks. Die ganze Gegend lebte von feinster Keramik. Eine stolze Arbeiterschaft schuf hier die Symbole des adligen Lifestyles. Teller, Tassen, Kunstwerke. Der Preisdruck hat die meisten in Stoke-on-Trent in die Knie gezwungen und zur Aufgabe bewegt.

2002 besuchte Peter Bowles die Bone-China-Fabrik, die die Lampenschirme herstellte, die er für seine Entwürfe benötigte. Doch auch sie war schon weit vor dem Brexit von der Schließung bedroht. Er übernahm das Unternehmen mit all seinen Mitarbeitenden – und sicherte so ihre und seine Zukunft. Und er sorgte dafür, dass seine Meisterstücke weiter in Großbritannien hergestellt werden konnten.

Der fast letzte Schritt: Nach der Glasur gehen die Schirme wieder in den Ofen. Bei über 1000 Grad bekommen sie so die gewünschte Härte. Einige werden von Mitarbeiterinnen von Hand bemalt. © Original BTC.

Auch in diesem Fabrikgebäude sind alle Produktionsschritte Handarbeit. Jedes Teil geht durch mindestens sechs Hände. Es wird gegossen, mit nassen Schwämmen geputzt, gepinselt, geschliffen und gebrannt. Immer wieder werden die einzelnen Teile geprüft. Was auch nur den Hauch eines Makels hat, wird aussortiert. Sogar die Glasur wird von Hand aufgetragen.

Im Allerheiligsten: In Stoke-on-Trent im Nordwesten Englands gab es einmal viele Fabriken, die auf die Verarbeitung von Keramik aus Knochenasche spezialisiert waren. © Original BTC.
Auch diese Handwerkskunst ist in Großbritannien in Gefahr auszu- sterben. Vom Gießen der Form bis in den Ofen braucht es viele Arbeits- schritte und enorm viel Erfahrung.© Original BTC..
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In einem weiteren Raum sind drei Frauen damit beschäftigt, die Lampenschirme von Hand zu bemalen. Kein Strich geht ihnen daneben. Schicht um Schicht tragen sie auf, bis sie den exakten Ton getroffen haben. Jeder Schritt, jeder Prozess hier ist geleitet von einem gemeinsamen Versprechen: Nur absolute Perfektion darf die Fabrik verlassen. Wer heute ein Teil der Kollektion kauft, erwirbt etwas fürs ganze Leben. Und er oder sie kauft ein Stück jahrhundertealte Handwerksgeschichte. Das Streben nach fehlerfreier Handarbeit hat seinen Preis, aber die Menschen, die hier arbeiten, vielleicht als letzte ihrer Zunft, sind zu Recht stolz auf das Ergebnis ihrer Kunst. Ihr Kamin, da sind sie sich sicher, wird noch lange rauchen.

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