Joseph Walsh: Meister der Kurven

Der Ire Joseph Walsh ist auch ohne Lehre oder Studium ein Großer geworden. Seine geschwungenen Objekte haben ihren Weg in Museen und Botschaften, Schlösser und Sammlungen gefunden. Und doch ist er ein Geheimtipp.

Sattgrüne Wiesen, umrahmt von historischen Steinmauern, vereinzelte Bauernhöfe und jede Menge Schafe - das kleine, südirische Örtchen Fahrta in der Grafschaft Cork ist geprägt von ursprünglichen Landschaften, Weite und Ruhe. Hier, mitten im Nirgendwo, liegt das Studio eines international agierenden Designers: Joseph Walsh.
"Ich interessiere mich für Kreativität, die dauerhafte Veränderung bewirken kann."
Der große, eher zurückhaltende Ire verbrachte schon seine Kindheit im Südwesten Irlands, wo er durch seinen Großvater erstmals mit den traditionellen Techniken des Holzhandwerks in Berührung kam. Er war sofort begeistert. Als 19-Jähriger gründete er, unweit seines Elternhauses und ohne eine Handwerksausbildung oder ein Designstudium absolviert zu haben, seine eigene Holzwerkstatt.

„Im Alter von 15 oder 16 war ich sehr ergriffen, als ich die Arbeiten des Designers John Makepeace entdeckte. Sein Buch trug ich überall mit mir herum. Im Laufe der Jahre inspirierten mich auch Kreative anderer Disziplinen wie der Künstler Ólafur Elíasson mit seinen zum Nachdenken anregenden, elementaren Installationen. Heute interessiere ich mich für Geschichte und eine Kreativität, die dauerhafte Veränderungen bewirken kann“, erzählt Joseph Walsh.
Mit der Zeit perfektionierte er sein Handwerk und seine unverwechselbare Ausdrucksform, lernte alles über das Formen, Biegen und Laminieren von Holz. Er widmet sich auch anderen natürlichen Materialien wie Marmor, Bronze oder Harz. All seinen Objekten ist aber gemeinsam, dass sie von der rauen, eigenwilligen Landschaft Südirlands und deren unberechenbaren Elementen geprägt sind. „Zuletzt haben mich die Gräser und Farne hier sehr inspiriert, sie wirken so architektonisch und einfach magisch“, schwärmt der Designer.

Langsamkeit, Präzision, Perfektion
Für seine kurvigen, fließenden Formen findet er Inspiration in der Natur. Ihrer Entstehung und den Materialien lässt er viel Zeit, betrachtet den Prozess als intuitives Zusammenspiel zwischen sich selbst und dem Objekt. Ganz allmählich fließen auch die Langsamkeit, Friedlichkeit und Erhabenheit der Umgebung in die Arbeiten ein. Handwerkliche Perfektion und Präzision prägt jedes einzelne seiner von Hand gefertigten Unikate. Trotz ihrer teilweise komplexen Formen, die an Barock oder Art déco er innern, wirken Walshs Werke zeitlos, puristisch und leise.

Es ist, als hätte es für diesen Schrank, Tisch, Stuhl, für dieses Regal – oder vielmehr für dieses spezifische Stück Holz? – genau eine ästhetische Idealform gegeben, die Joseph Walsh in sensibler Beharrlichkeit herausgearbeitet hat. In seiner Wahrnehmung schlägt das Material regelrecht die nächsten Schritte vor. „Kürzlich bekam ich eine Ulme mit einer wunderschönen Maserung aus Österreich geschenkt. Sie hatte die Ulmenkrankheit überstanden und mir war wichtig, dass das daraus entstehende Werkstück auf die außergewöhnliche Form des Baumes reagierte. Diese eine Ulme eröffnete mir auch eine neue Sichtweise, sodass ich, als ich danach mit ungewöhnlich geformten Walnussbäumen arbeitete, genau wusste, was zu tun war“, erzählt Walsh.
Im Auftrag der Herzogin und des Herzogs von Devonshire entstanden seine legendären „Enignum Chairs“. Das adelige Paar wünschte sich 24 einzigartige Stühle für das Esszimmer im majestätischen Chatsworth House, einem Landschloss in Derbyshire, England. Mit ihren drei Beinen und den organisch geschwungenen Seiten scheinen die Stühle skulpturalen Kunstobjekten näher zu sein als Designstücken.
Bescheidenheit, Neugier, Strahlkraft

Joseph Walsh ist die korrekte Deklaration seines Tuns weniger wichtig:
„Ich finde es toll, dass meine Arbeit in verschiedenen Kontexten unterschiedlich kategorisiert wird. Es erscheint mir aber anmaßend, mich selbst als Künstler zu bezeichnen. Dennoch ist es schön, dass Menschen meine Arbeit als Kunst betrachten. Ich sehe sie als funktionale Möbel oder Skulpturen, aus denen manchmal ganze Räume entstehen, oder ich verändere die Beziehung der Menschen zu einem Raum oder die Art und Weise, wie sie Möbel nutzen oder mit ihnen umgehen.“

Ob Kunst oder Design, ob als Auftragsarbeit oder aus sich selbst heraus entstanden – Walshs Werke haben ihren Weg in bedeutende Sammlungen wie das Centre Pompidou in Paris oder das Metropolitan Museum of Art in New York gefunden. In Deutschland gilt Walsh noch als Geheimtipp, was auch daran liegt, dass seine Arbeiten fünf- bis sechsstellige Eurobeträge kosten. Aber so, wie der Ire für seine Berufung schwärmt, sollte sich das bald ändern: „Ich liebe es, eine Linie auf das Papier zu zeichnen, daraus Ideen zu skizzieren, sie zum Leben zu erwecken und durch den Akt des Schaffens eine Realität zu kreieren: die immaterielle Kultur, das Lebenswerk und einen ganz neuen Ort, der aus dieser Reise hervorgeht.“
