Alex Chinneck baut mit seinen Werken Unmöglichkeiten

Eine zu Boden rutschende Fassade. Ein Haus, das von einem riesigen Reißverschluss geöffnet wird. Oder eines, das regelrecht dahinschmilzt: Was wie digitale Manipulation wirkt, ist hier Realität im Stadtraum. Der britische Künstler und Designer Alex Chinneck verwandelt Architektur in Illusionen und schafft aufsehenerregende Objekte. Seine großen öffentlichen Kunstwerke lassen Gebäude irritierend, fremdartig und physikalisch unmöglich aussehen. Mit einem meisterhaften Mix aus Architektur, Technik, künstlerischer Inspiration und kleinen Tricks kreiert er optische Täuschungen voller Leichtigkeit und Magie. Sie sollen überraschen, Spaß machen und unsere Realität in Frage stellen.


„Als Kind wollte ich professioneller Cricketspieler werden“, sagt Alex Chinneck und schmunzelt. „Nun bin ich 41 und denke, das wird vielleicht nichts mehr.“ Seine Pläne änderten sich spätestens, als er am Chelsea College of Arts in London Malerei studierte und im Jahr 2000 die große Louise Bourgeois Ausstellung in der Tate Modern in London sah. Für Chinneck war das ein Schlüsselmoment, der seine Art zu sehen derart herausforderte, dass in ihm der Wunsch entstand, Gleiches mit seiner Arbeit zu erreichen. Noch während des Studiums beginnt der 1984 geborene Brite, an architektonischen Projekten zu arbeiten und dabei richtig groß zu denken.

Eines seiner ersten prägenden Projekte entsteht 2012: „Telling the truth through false teeth“ – dazu hat er die Fenster eines verlassenen Fabrikgebäudes in London zerbrochen, allesamt nach dem exakt gleichen Muster. „Für das Projekt verwendete ich 1.248 Glasstücke, um die 312 vollkommen identisch zerschlagenen Fenster zu gestalten“, sagt Chinneck. „Damals wurde mir zum ersten Mal klar, dass Gebäude selbst zu Kunstwerken werden könnten“. Was wie Verfall aussieht, ist bei ihm Inszenierung. Chinnecks Idee war es, das bröckelnde Fenster, also das Zeichen des Niedergangs, selbst zum Kunstwerk zu adeln und damit das gesamte Haus aufzuwerten. Ein Projekt, das dem Briten den Beinamen „Banksy des Glases“ einbrachte. Immer wieder wird er sich fortan alten, leerstehenden Häusern widmen, die er in Kunst verwandelt.


„Die gebaute Umwelt schützt und umhüllt uns. Sie ist beeindruckend und vertraut. Für mich bietet sie das perfekte Thema, die ideale Materialität und das passende Setting für skulpturale Ambitionen und großmaßstäbliche Ausstellungen“, so Chinneck. „Meine öffentlichen Arbeiten zeichnen sich durch ihre Zugänglichkeit für ein breites Publikum aus. Ich habe damit die Möglichkeit, große Ziele zu verfolgen und Kunst, Architektur, Ingenieurwesen sowie Bühnenbild zu vereinen.“ Könnte er ein Gebäude seiner Wahl bespielen, würde Chinneck das, wie er sagt, größte Bauwerk der Menschheit wählen: die Pyramiden auf dem Gizeh-Plateau. „Ich bin dessen jedoch nicht würdig“, sagt der Brite und ergänzt: „Ist es überhaupt jemand?“ Chinnecks Inspirationsquellen sind vielfältig: Architektinnen und Architekten wie Zaha Hadid, Thomas Heatherwick oder Frank Gehry, deren jeweils einzigartige Formsprache auch sein Verständnis von Raum prägen. Gleichzeitig beeinflussen ihn Fashion Designer wie Alexander McQueen oder Lu Flux. Und die Liste geht ewig weiter mit Künstlern, die ihn begeistern: Anselm Kiefer, Jackson Pollock, Damien Hirst, Willem DeKooning, Richard Serra, Donald Judd, Meret Oppenheim und Michael Heizer. Was sie eint, ist der Wille, Grenzen auszuloten, innovative, monumentale Werke aus ungewöhnlichen Materialien zu schaffen, die das Publikum durchaus herausfordern. Das möchte auch Chinneck.

Seine Arbeiten offenbaren die Nähe zum Surrealismus, insbesondere zum Künstler Salvador Dalí. „Mich reizt die surreale Neuinterpretation vertrauter Dinge. Die Belebung des Alltäglichen ist ein kreativer Prozess. Mit Dalí, dem Hauptvertreter des Surrealismus, teile ich das Interesse, Grenzen zu überwinden, das Unbegrenzte auszureizen”, sagt Chinneck. Wenn er ein neues Projekt angeht – oft geschieht das auf Einladung, seltener aus eigenem Antrieb – ist da nicht zuerst die Idee einer visuellen Illusion oder eine zündende technische Lösung. Bei Alex Chinneck entwickelt sich alles parallel: „Ich bringe kreative, kontextuelle, technische, administrative, budgetäre und persönliche Überlegungen ein und hoffe, dass dabei ein starkes Konzept entsteht.“
Zu seinen spektakulärsten Arbeiten gehört „From the Knees of my Nose to the Belly of my Toes“ in Margate, erstellt 2013. Die Fassade eines vierstöckigen Hauses scheint samt Fenster und Haustür in den Vorgarten zu rutschen und bringt das desolate Innere zum Vorschein.
Was erscheint wie ein digitaler Effekt, ist gebaut aus echten Materialien und einer versteckten Stahlkonstruktion. Chinnecks Installationen wirken leicht und verspielt, sind jedoch höchst präzise, die aufwändig angefertigten Konstruktionen enthalten eine ausgeklügelte Technik. Das alles verlangt monatelange Planungsprozesse und ein Team aus Experten, das Chinneck unterstützt.
Für sein „Melting House“ in London, das einer Cartoon Szene gleicht, ließ er zum Beispiel 7.500 Backsteine aus Wachs produzieren, die den Effekt erzeugen, das Gebäude würde dahinschmelzen. „Ich wollte damit eine architektonische Performance schaffen, die sich im Laufe der Zeit verändert. Das Haus befand sich auf dem Gelände einer ehemaligen Kerzenfabrik, an der jeden Tag Pendler vorbeikamen. Sie sollten die Geschichte der sich ständig wandelnden Skulptur miterleben können“, sagt Chinneck.

2017 inszenierte der Künstler mit „Six Pins and Half a Dozen Needles“ die 20 Meter hohe Backsteinfassade eines früheren Londoner Verlagshauses. Sie scheint, wie ein Blatt Papier, in der Mitte zerrissen und zu beiden Seiten verschoben zu sein. Eine Illusion aus Ziegelsteinen und Stahl von rund zehn Tonnen. Auch mit seiner Installation „Open to the public“ 2018 in Ashford, öffnete Chinneck die Fassade einer ehemaligen Textilfabrik, dieses Mal, passend zum Thema, mit einem riesigen Reißverschluss, der Einblicke ins Innere des Hauses ermöglichte. Eine spielerische Geste mit dem Hinweis darauf, was bevorstand: Der Abriss des Hauses.
Der inhaltlichen Ernsthaftigkeit seiner Arbeiten setzt der Brite wortreiche Titel gegenüber, die seinen feinen Humor zeigen. Er mag es spektakulär, herzlich und zugänglich. „Ich beschreibe aber auch komplexe, ernsthafte Wege der Bildhauerei, um unterhaltsame Momenten zu kreieren, die möglichst viele Menschen sehen und verstehen können. Meine Skulpturen wirken dabei nicht lustig, sie nehmen sich nur nicht unerträglich ernst“, so Chinneck.

Mit seiner Kunst möchte Alex Chinneck unsere gewohnten Blicke auf Städte verändern, dabei Neugier sowie Staunen erzeugen, versteckte Potenziale oder Defizite offenbaren. „Meine Arbeit ist anstrengend, herausfordernd und bereichernd zugleich. Oft liebe ich den Prozess, manchmal hasse ich ihn auch. Aber am Ende bin ich immer stolz“, sagt der Künstler. Jedes seiner Projekte liegt ihm am Herzen, ein Favorit lässt sich nicht ausmachen „Ich stelle mir aber vor, eines Tages auf meine Karriere zurückzublicken“, sagt Chinneck. „Dann werden jene Momente die magischen sein, die ich gemeinsam mit meinen Kindern erlebt habe.“